Der bigblogg Test: Ein Countryman in Walhalla?

Walhalla, die Ruhmes und Ehrenhalle in der Nähe von Regensburg, erbaut durch den bayerischen König Ludwig I. (1825-1848). In Ihr werden seit 1842 bedeutende Deutsche sowie mit der Geschichte Deutschlands bzw. der deutschsprachigen Staaten verbundene Persönlichkeiten mit Marmorbüsten und Gedenktafeln geehrt. Wie gut, dass die bigblogg Testfahrt genau dorthin führt, um zu prüfen, ob der Countryman den ruhmreichen Namen MINI zu Recht trägt.

MINI Countryman Cooper Automatik
Der Countryman kurz vor dem Ziel seiner Testfahrt: Am Fusse von Walhalla, Regensburg

Der Countryman. Gross, breit, grau und überhaupt nicht stark steht er zur Abholung bereit. Bei der optischen Präsenz dieses Autos mutet die Kombination von 122 Pferdestärken und einer Sechsgang Automatik doch etwas ernüchternd an. Doch man sollte frei von Vorurteilen an ein Testobjekt herantreten und sich daher auch ohne Berührungsängste vom unteren Leistungsspektrum an den ersten MINI Viersitzer heranwagen.

Also Tür auf und hinein in die geräumige Stube. Die Sitzposition ist bekannt aus den aktuellen R5x Modellen und trotzdem irgendwie anders. Nicht nur weil man höher sitzt, sondern auch aufrechter. Der Nachteil: Man muss im Gegenzug auch deutlich tiefer nach der untersten Schalterleiste in der Mittelkonsole greifen. Wiederum sehr angenehm empfindet man das Plus an Innenraumbreite. Auffallend ungewohnt sind jedoch die in einem Rahmen gefassten Seitenscheiben, die durch diese Bauform nicht nur kleiner wirken, sondern auch effektiv sind. Von Schießscharten zu sprechen wäre vermessen, aber in Kombination mit den wuchtigen A-, B- und C-Säulen verliert dieser MINI deutlich an Übersichtlichkeit. Ohne PDC wird das Parken auf engen Stellflächen ein Glücksspiel. Unverständlich, dass MINI aus Kostengründen in diesem Zusammenhang kein PDC für die Fahrzeugfront anbietet, denn die Motorhaube wirkt nicht nur muskulös und männlich, mit rund 1,6 Meter Breite ist sie es auch und das Ende derselben kann man nur erahnen. Das enttäuschende dabei: Diese Motorhaube mit ihrem Powerdome und dem aggressiven Kühlergrill lässt einen hoffen, dass darunter ein dicker V8 schlummert, der brabbelnd zum Leben erweckt werden will. Die Realität sieht jedoch anders aus. Wählhebel auf P, Bremse gedrückt, Startknopf angetippt und… nichts! Nein, keine Sorge, alles funktioniert, bloss der 1,6 Liter Saugmotor schnurrt so leise und sanft, dass man im Stand kaum etwas von der Auf- und Abbewegung der gerade einmal vier Zylinder hört und spürt.

MINI Countryman Cooper Automatik
Die Hotelgarage als Entspannungsraum für den MINI nach Tag 1 und 300km Testsrecke

Doch leider bleibt dieser angenehme Aggregatzustand nicht lange erhalten. Besetzt mit drei Personen und Gepäck für zwei Tage hat der Saugmotor mächtig mit der nun rund 1,6 Tonnen schweren Fuhre zu kämpfen. Fürchterlich Gequält hört sich das Motörchen an, wenn es bei einem beherzten Tritt auf das Gaspedal versucht Drehzahl in Beschleunigung umzusetzen. Was dabei akustisch fast in die Vergessenheit gedrängt wird: Dieser Fronttriebler hat ein fantastisches, butterweich schaltendes Automatikgetriebe, welches das Schalten über die in diesem Fahrzeug verbauten Schaltwippen völlig überflüssig macht.

Aber ist das nicht grotesk? (weiter nach dem Klick)

Einen MINI loben für seine Automatik? Doch es kommt noch schlimmer! Die Sitzposition gefällt allen Fahrzeuginsassen gleichermassen. Von den Einzelsitzen der Rückbank kommen während der Fahrt fortlaufend Statusmeldungen über die Schönheit der Natur und wie angenehm es sei, dies aus der erhöhten Position erleben zu können. Vom Beifahrer kommt die Feststellung, dass dieser MINI sehr angenehm abrollt und Unebenheiten souverän abfedert. Der Fahrer empfindet dies ähnlich und wundert sich, wie das trotz Runflatreifen, straffer Federung und direkter Lenkung möglich ist.

MINI Countryman Cooper Automatik
Grau in grau, obwohl das Fahren im Countryman durchaus abwechslungsreich ist

Und noch etwas spricht für den in Deutschland entwickelten und in Österreich gebauten Engländer: Sein Kofferraum. Wo der Clubman wirklich nur “the other MINI” ist, glänzt der Countryman mit ordentlicher Ladefläche. In dem doppelten Ladeboden lässt sich locker ein gut gefüllter Kleidersack verstauen und darüber mehrere Reisetaschen.

Doch ist das alles noch MINI? Nein. 640 Kilometer in dem jüngsten Spross der MINI Familie beweisen zwar, dass der Countryman ein sehr angenehmer Begleiter auf Autobahnen und Landstrassen ist und selbst im Stadtverkehr mit einer gewissen Wendigkeit glänzen kann, doch die klassischen Charakteristika, die bei dem Relaunch der Marke im Jahre 2001 noch hervorragend vom Classic Mini auf den New MINI übertragen wurden, sind im R60 nur noch sehr verwässert wahrzunehmen. Der Countryman ist eben ein Fahrzeug, welches dem Zeitgeist huldigt und nicht aus der Not heraus geboren wurde, um die Massen zu motorisieren. Zeitgeist bedeutet heute aber auch Nachhaltigkeit, also unter anderem auch die Verbrauchsoptimierung, und hier hat MINI ausnahmslos enttäuscht. 11,2 Liter Durchschnittsverbrauch bei einem Mix von 60% Autobahn, 30% Landstrasse und 10% Stadtverkehr sind indiskutabel. Speziell vor dem Hintergrund, dass die getestet Motorisierung sich gerade einmal zum Mitschwimmen im Straßenverkehr eignet.

MINI Countryman Cooper Automatik
Mit Verlaub: Dieser Verbrauch ist für einen 122PS Saugmotor schon happig

Ist der Countryman also würdig, um in Walhalla Einzug zu halten? Für MINI sicherlich, denn die vierte Baureihe bedeutet für MINI den Aufbruch in ein neues Marktsegment und den Beginn der Demokratisierung der Marke, denn weitere Ableger der Countryman Plattform werden folgen. MINI für alle! Doch damit wird Issigonis Idee des praktischen Kleinwagens immer weiter aufgeweicht. Die Gefahr, der Banalisierung der Marke wächst. Die finale Beantwortung der Eingansfrage steht also noch aus, denn da stand bigblogg ja auch noch der scharfe Bruder des Royal Grey Cooper zu einem weiteren Test zur Verfügung. Ein Cooper S ALL4. Stay tuned…

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Comments Closed

Comments :

  1. Name says:

    ist es nicht normal, dass man in der einfahrphase einen erhöten spritverbrauch hat ?

  2. didi says:

    Bzw. neben dem BC-Wert wäre das real nachgetankt + berechnete noch eine Ergänzung wert (!).
    Habt ihr denn mal in Erfahrung bringen können was diese äußerst fragwürdige Riffelung der Oberfläche vom Armaturenträger vom Desigern für eine "beschönigte Bezeichnung" trägt ?!

  3. Name says:

    Deine Aussagen zur Geräumigkeit überraschen wenig; ebenso wie die zum 122 PS-Motor. Wie war denn für Dich langes Elend der Einstieg durch die deutlich kürzeren Türen? Wie war für die der Blick nach links, sprich auf die B-Säule?
    Aber selbst Platz, Gewicht, Automatik und Dein bekanntlich schwerer rechter Fuss dürfen nicht zu einem Verbrauch von 11,2 Litern führen … :vogel:

  4. Hardi says:

    Meine Freundin und ich konnten zwei kurze Fahrten mit dem CM unternehmen, einmal ein Cooper mit Handschaltung und ein S All4.
    Vieles was Äxl schreibt haben wir auch wahrgenommen, etwa das der Cooper etwas lahm ist (und unserer war nicht durch die Automatik eingeschnürt) und auch das er etwas unübersichtlich ist. Hätte der Cooper kein PDC gehabt, ich hätte ihn fast mit einer niedrigen Laterne bekannt gemacht…
    Aber One und Cooper werden sicherlich Erfolg haben, bei den Omis und Opis und bei den Hausfrauen….

    Der S hingegen hat da schon mehr Spaß gemacht, hat sich subjektiv auch nicht sooo viel langsamer als ein R56 angefühlt. Nur in der Kurve (zwar wie gesagt All4 aber keine sportliche Abstimmung) war er etwas zu weich. Aber KW wird auch für den Landmann ein V3 bringen :cool:

    Aber Äxl, bist du sicher das der Cooper Funflats drauf hatte? Habe bisher nur S mit 18er drauf gesehen die Runflats hatten

  5. Name says:

    ist die tankanzeige resetet worden beim tanken ? denn dann wären das ca. 7,4l auf 100 km und keine 11,2l

  6. äx says:

    @namenlos1: mag sein, dass der verbrauch noch sinkt, aber sicherlich nicht viel.
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    @didi: ich bin nicht auto motor und sport und erhebe daher auch keinen anspruch auf 100% genauigkeit meiner verbrauchswerte. vollgetankt übernommen, alle werte im bordcomputer genullt, vollgetankt abgegeben. das resultat: siehe bild. auf die maserung der oberfläche sind die designer sehr stolz. es sind organische formen, die sich in der natur wiederfinden. name? keine ahnung.
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    @namenlos2 (ich tippe auf thomas): der einstieg verursachte durch das \"aufsitzen\" keine probleme, auch wenn die türen schmaler sind. schwerer gasfuss? nicht wenn ich meine eltern chauffieren darf.
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    @hardi: das mit den runflats werde ich nochmal prüfen.
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    @namenlos: der BC wurde während der gesamten distanz nie genullt. nachgetankt schon.

  7. Hardi says:

    @Äxl
    Eines hatte ich aber vergessen zu schreiben: \"unser\" ALl4 hatte auch Runflats (18er), und der CM hat sich damit auch sehr komfortabel geschlagen. Insofern kannst du es dir eigentlich auch sparen nochmal nachzugucken ;)
    Ach ja, gute Bericht, ich freue mich auch auf deine Meinung zum S :-)

  8. didi says:

    joh, war ja nur mal an das klassisch-händische nachrechnen angedacht. dem BC kann ich bei mir (bis zu 20%-Abweichung) nämlich nicht trauen !
    Wenn von vollgetankt zu vollgetankt, dann wißt ihr doch wenigstens um eure nachtankmenge für die 638.4 km ?!?

  9. axelander says:

    Menno, wie lange willst Du uns denn noch auf die Folter spannen, Äx? Will jetzt endlich Deine Eindrücke vom S All4 lesen! Bin gespannt, ob wenigstens der S Deine Ansprüche befriedigen kann, auch wenn Dein Urteil auf meine Entscheidung keinen Einfluss mehr haben wird..

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